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Westfälische Nachrichten / Steinfurter Kreisblatt (Steinfurt) 11. Juli 2006
Auch die Reiter bekommen was geflüstert
-ar- Borghorst. Diskutieren oder Feierabend, was willst du? Cekin muss offensichtlich nicht lange überlegen. Feierabend solls werden. Artig folgt er seiner Chefin zum aufgeklappten Anhänger, trottet scheinbar gleichgültig über die hölzerne Einstiegsrampe und bleibt regungslos in seinem rollenden Käfig stehen. Erst als Janet Rosenberger das Kommando gibt, legt der zwölfjährige Wallach den Rückwärtsgang ein und stakt hastig zurück in die Freiheit. Besitzerin Martina Krull kann das Gesehene immer noch nicht glauben. Überglücklich tätschelt sie Cekin den Hals, während Tochter Fabienne ein Apfelstückchen als Leckerchen bereit hält. Den Hals nicht klopfen, sondern streicheln, ermahnt Janet Rosenberger, Das ist doch viel zärtlicher.
Die Streicheleinheiten hat sich der Wallach redlich verdient. Früher ist er schon ausgeflippt, wenn er nur einen Anhänger gesehen hat, erzählt Martina Krull von der Macke ihres sonst völlig unkomplizierten Reitpferdes. Nach unzähligen Selbstversuchen nimmt sich jetzt Janet Rosenberger der Angst von Cekin an. Ohne Peitsche, doppelter Longe oder lautem Geschrei. Man muss nur die Sprache der Pferde können.Janet Rosenberger ist Pferdeflüsterin. Eine Enkelin von Monty Roberts. Der Lehrmeister der 38-Jährigen war bei dem mittlerweile fast schon legendären Pferde-Versteher in der Schule. Seit zwei Jahren widmet sich die schon in früher Kindheit vom Pferdevirus Infizierte verhaltensauffälligen Vierbeinern auf die sanfte Tour. Vor ihrer Flüsterer-Ausbildung studierte sie Tierpsychologie und die Verhaltensbiologie des Pferdes.
Cekin und Janet Rosenberger verstehen sich. Ich muss ihm klar machen, dass ich die Leitstute bin, der er blind vertrauen kann, erläutert die Trainerin das Prinzip. Und das hat nichts mit Gewalt in welcher Form auch immer zu tun. So beginnt die Übungsstunde mit einfühlsamen Streicheleinheiten für den Wallach, bis er völlig entspannt den Kopf sinken lässt. Umkreist die Lehrerin dann das Pferd, dreht es sich mit. Cekin will ihr nicht seine Hinterläufe, das sind schließlich seine gefährlichen Waffen, präsentieren.
Die Rangfolge ist damit geklärt, jetzt geht es an die Vermittlung des Unterrichtsstoffes Keine Angst vor dem Anhänger. Und der wird portionsweise vermittelt. Rein und wieder raus. Rein, den Rückzug mit der Stange versperren, wieder raus. Rein, Stange, Klappe hoch und wieder raus. Die Krönung des Morgens ist eine Runde im Anhänger um den Block. Nach fünf Minuten rollt das Gespann wieder auf den Hof in Wilmsberg. Habt ihr ihn krähen hören?, fragt Janet Rosenberger und grinst. Das müssen wir beim nächsten Mal noch einmal üben. Getreten oder um sich geschlagen hat Cekin jedenfalls nicht mehr. Ein Erfolg.
Etwa sieben Stunden benötigt die Pferdeflüsterin, um einem Schützling die Angst vor dem Anhänger, eine durchaus verbreitete Pferdephobie, zu nehmen. Die Reiter werden gleich mitbehandelt. Sie müssen zum Leittier werden. Ein Herdenführer, der seinen Untergebenen mit schlotternden Knien auf den Hänger schicken will, zu dem könne man ja auch kein Vertrauen haben.
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